Coffee To Stay!

Ein Sprichwort sagt: „Kaffee und Liebe sind heiß am besten.“ Nun, zur Liebe wage ich nichts Essentielles zu sagen, aber was den Kaffee betrifft, kann ich Ihnen weiterhelfen. Wie wär’s denn mal mit einem Besuch im Kaffeehaus – in einem richtigen Kaffeehaus? Ja, die gibt’s noch – zumindest eines!

von Heimo Sver

Carl Binder
Foto: Wohlgemuth

„Wenn ich mich nicht umziehen und waschen müsst’, würde ich hier im Café leben. Klo ist ja eh eines da und warm ist’s auch.“

 

Carl Binder



Folgende Szenerie: Graz … vor einiger Zeit … Kaffeehaus …Ich sitze mit einem Freund zusammen, der Cafetier kommt und wir bestellen einen doppelten Espresso und eine Melange. Nach kurzer Zeit kommt der Mann beschwingt zurück, lächelt uns an und sagt: „Hier Ihr großer Brauner und Ihr Verlängerter. Wohl bekomm’s!“ Natürlich drängt sich jetzt die Frage auf, warum man keinen Einspruch erhebt. Ganz einfach: Das Kaffeehaus ist die legendäre KONDITOREI BINDER, direkt am ­Grazer Dietrichsteinplatz, und der swingende Cafetier ist ihr nicht minder legendäre Besitzer, Carl Maria Maximilian Binder bzw. „Der Herr Binder“. Ein Urgestein der Grazer, na was, der internationalen Kaffeehausszene. Ein Charmeur erster Güte, ein in steter Ausbildung befindlicher Geigenvirtuose, viriler Opel-Rekord-Fahrer (nizza-­blau, 1955), passionierter Zigarrenraucher und, und, und … fast hätt’ ich’s vergessen: Schöpfer der mysteriösen „Schlossbergtorte die – bei meiner Treu – jedwede ­Sacher-Süßspeis arm aussehen lässt. Solch einem Mythos widerspricht man natürlich nicht. Wenn er, aufgrund langjähriger Erfahrung, meint, ein großer Brauner und ein Verlängerter wären just jetzt besser für einen, nun, dann hat er einfach recht. Und „langjährig“ ist auch das Stichwort: Aus gut unterrichteten Kreisen wurde mir kundgetan, dass die KONDITOREI BINDER in wenigen Wochen, ab 2017, ganze 90 Lenze jung ist. Ja, richtig gelesen: 90 Jahre! Während also Canberra zur Hauptstadt Australiens wurde, Werner Heisenberg seine „Unschärfe­relation“ veröffentlichte und „The Jazz Singer“ als erster kommerzieller Tonfilm Kinofreaks erfreute, ergo 1927, kreierten die Eltern von Herrn Binder, Maria und Karl „der singende Konditor“ Binder, ihr Kleinod im Schatten von Kaffeebohnen, Mehlspeisen und Eiscreme und damit für diese Stadt eine Institution, wie man eine zweite hierorts kaum zu finden vermag.

So ist also über die Jahre ab Anfang der 70er Jahre übernahm der Sohne­mann die Leitung ein Platz inmitten unseres urbanen Städtchens herangewachsen, der wie ein Zeitloch funktioniert. Wo man schon, wenn man die Schwelle überschreitet, ein wohliges Gefühl beschaulichen Gesterns erspürt. Man bewundert die Laura-­Ashley-Tapeten an der Wand ebenso wie die Brüsseler Spitzen, die ihnen den Rahmen machen, hört, wie Udo Jürgens die „Rock ola“-Jukebox, Jahrgang ’64, zum Klingen bringt, und atmet den Geruch von ordentlich zubereitetem Kaffee und ­frischen Kipferln, während man leise das Umblättern von Zeitungsseiten vernimmt, derweil einem der Herr Binder die Welt erklärt. Und das kann der Mann! „Außer in Graz und Italien ist es nur noch schöner in Portugal“, so eine Wahrheit. „Der Atlantik ist zwar etwas frisch, aber die Leut’ und das Essen, ich sag’ Ihnen …“. Und schon bucht man seine nächste Reise Richtung iberische Halbinsel.
Ja, der Herr Binder hat halt Recht und er weiß, wie man dieses Wissen auch unter die Gäste bringt. Die und seine Stammkunden, wie der „Pistolero“, der „Porno-Hansi“, der faszinierende „Herr Ferdinand“ und die so bezaubernde wie emsige Aushilfe Darya, bilden ein Personal kaffeehaushistorischer Geborgenheit, wie es vielleicht vor Ort nur noch beim „Zafita“ in der Girardigasse oder dem „Café König“ in der Sackstraße erfahrbar wird. Der Rest ist meist nur „Coffee to go“, will überspitzt heißen: Kaffeehäuser, wo man besser wegbleiben sollte. Verirrt man sich aber in die KONDITOREI BINDER, ein Fehltritt, der mehrmals wöchentlich getätigt werden sollte, nun, dann muss man sich Zeit nehmen. Zum Verweilen. Zum Genießen. Zum Akzeptierenkönnen, dass ein doppelter Espresso und eine Melange halt nicht immer das Beste für einen sind. Und jetzt bitte: „Ober, zahlen!“


„Mein letzter Urlaub war 1971, zwei Wochen am Stück. Ich hab’ keine Zeit zum Fortfahren. Ich bin Konditormeister und Cafetier. Das ist eine Berufung und kein Job mit 14 Monatsgehältern und Urlaubsanspruch.“

Carl Binder