Odyssee  ins Glück

Die Weltlage fühlt sich düsterer an denn je, die Stimmung scheint grau. Doch wenn man sich selbst in Bewegung setzt, dann muss man sich nicht erst von Fortuna finden lassen. Dann packen wir es selbst an, dieses bisschen Glück. Damals noch Mythos, ist persönliche Glückseligkeit heute vielmehr Lebenseinstellung. Und Graz ist verantwortliche Glücksschmiede.

VON YVONNE HÖLZL

Was ist Glück?
Der Duft eines Babys, das Ausreizen persönlicher Grenzen, geselliges Beisammensein mit Freunden, die Freude an der Natur oder an gutem Essen – all das kann glücklich machen.


Es ist eine Zeit, in der wir den Nachrichten zurufen möchten: „Bitte nicht schon wieder.“ Eine Zeit, in der Terror uns in eine Sinnlosigkeit des Seins zieht und eine politische Gewissheit nach der anderen stirbt. Das sind dann Momente, in denen man durch nicht beeinflussbare Ereignisse sein persönliches Glückssaldo nur schwer über null halten kann. Doch wie dauerhaft sind diese Glücks-Miesen, wenn das Gros der Menschheit dann mit dem richtigen Song im Auto schnell wieder etwas Glücksempfinden verspürt? Verhalten sich die Mundwinkel angesichts der kritischen Weltlage überhaupt angemessen? Auch wenn das Gefühl nicht zur Zeit passt, noch nie war innere Glückseligkeit wichtiger als jetzt. Umso besser, dass wir heute mehr über das Glück wissen als je zuvor: Ja, selbst das Glück, das man vorgeblich kaufen kann, tut seine Wirkung. Auch wenn es nicht von Dauer ist. Viele Studien zeigen nämlich, dass die meisten Menschen in materiell gesicherten Verhältnissen leben müssen, um ihr Dasein genießen zu können. Das tägliche Abmühen für das eigene Überleben stört das Seelenheil empfindlich, deshalb kann Geld, entgegen dem Volksmund, durchaus glücklich machen. Und menschliche Bindungen. Die sind grundsätzlich wichtig, damit sich das Leben gut anfühlt. Wir ahnen es schon: Der gekonnte Mix macht persönliches Glück aus. „Glück ist kein Vogerl, das daherfliegt und dann wieder abschwirrt. Glück ist für jeden ausreichend da, auch jetzt, genau in diesem Moment“, weiß die Grazer Glücksmanagerin Uschi Witek. „Wir können einfach unseren Fokus darauf richten und schon sehen wir es.“ Und sie muss es wissen, immerhin hat sie schon so manchem Grazer zu mehr Glücksgefühlen verholfen. Dabei geht es immer darum, die eigenen Glücksgefühle gekonnt zu managen und dem Denken eine neue Richtung zu geben – jenseits ständiger Problemlösungen.

Schon Mark Twain sagte: „Ich hatte mein ganzes Leben viele Probleme und Sorgen. Die meisten von ihnen sind aber niemals eingetreten!“ Aber was ist Glück jetzt eigentlich genau? Fest steht, für jeden dasselbe: „Alle Gefühle, die ,hochziehen‘ und sich leicht und motivierend anfühlen, sind Glücksgefühle. Alles, was ,runterzieht‘, Energie kostet und aussaugt, ist das Gegenteil von Glück, wie wir es umgangssprachlich nennen“, so Witek. Also gilt es bloß, das eigene Glückslevel möglichst hochzuhalten. So weit, so schlecht. Denn wären da nicht sogenannte Glücksbarrieren die sich einem in den Weg stellen: Der Mensch vergleicht sich etwa mit anderen, will diese übertreffen und strebt immer nach mehr – oft ohne zu schätzen, was er hat. Eine „hedonistische Tretmühle“, im digitalen Zeitalter vom Motor „Social Media“ angetrieben, die uns das Streben nach Glück, Genuss und Lust aufoktroyiert.

„Viele wissen, dass sie unglücklich sind. Aber noch mehr wissen nicht, dass sie glücklich sind.“

Albert Schweitzer



„Geld allein macht nicht glücklich. Es gehören auch noch Aktien, Gold und Grundstücke dazu.“

Danny Kaye


Doch wer nach Glück strebt, handelt durchaus philosophisch: Schon große Denker wie Aristippos von Kyrene haben darauf hingewiesen, dass unsere Lebenszeit begrenzt ist und dass es so etwas wie ein Weiterleben nach dem Tod nicht gibt. Damit standen diese Philosophen im Widerspruch zu Platon, nach dessen Vorstellung die Seele nach dem Tod in ein Schattenreich eintaucht, geläutert wird, um dann in irgendeinem höheren Bereich die Unsterblichkeit neu zu erfahren. Im Gegensatz zu Platons Idealismus sind die Hedonisten empiristisch orientiert, und sie leben im Jetzt. Demnach sind wir Menschen ein Stück Natur und haben die Bestimmung, dieses Lebensintervall optimal für uns zu gestalten. „Wir könnten uns im Grunde genommen fast immer glücklich fühlen. Leider haben wir aber gelernt, uns besser Sorgen zu machen, ängstlich zu sein, um eventuelle Probleme vorzubeugen. Das ist reine Energieverschwendung“, weiß die Glücksmanagerin. „Unser Fokus ist ständig auf den Gefahrenmodus gerichtet, wir sehen überall Gefahren.“ Bevorzugt wird also ein Leben mit philosophischer Größe – eines mit mehr Freuden und Genüssen. Wie das in der Praxis funktioniert? Sich für das Glück entscheiden! Glück ist vielmehr eine bewusste Lebenseinstellung als Zufall. Daher soll, laut Glücks-Profis, die Entscheidung getroffen werden, sich ab jetzt glücklich zu fühlen und so oft es möglich ist, Dinge zu tun, die wir gerne machen und uns Freude bereiten. Wie etwa Energie- und Körper­arbeit, die ebenso glücklich und gesund machen soll. So wird in der Grazer „Glücksschmiede“ etwa Glück dort erzeugt, wo wir es immer finden können – in uns selbst. Und diese Institution hält auch, was der Name verspricht: „Wir unterstützen Menschen dabei, Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen. Diese bekommen von uns leicht anwendbares Handwerkzeug, um ihren Selbstwert zu stärken, Entscheidungen zu treffen, Eigenliebe und Lebensfreude zu entdecken“, erklärt Maria Czapka aus der Glücksschmiede. „So fällt es den Menschen leichter, das Glück wieder in ihr Leben zu lassen.“

So mancher misst die Latte seines Lebensglücks dann im Alter. Wenn man sein Leben Revue passieren lässt, sollte man zumindest zu diesem Schluss kommen: Ich habe meine Möglichkeiten genützt und mein Leben nicht verschwendet. Die essenzielle Idee des Hedonismus also. Was also macht Glück letztendlich aus? Ist es Liebe, Geld, Ruhm, Freundschaft, innerer Friede, Bildung und Gesundheit – und von all dem besonders viel? Czapkas Glück-Tipp: „Erkenne und kommuniziere deine Bedürfnisse. Und nimm das Leben mit Humor.“ Vielleicht kann es schon helfen, die Ansprüche an das Glück nicht zu hoch zu schrauben? Der deutsche Schriftsteller Karl Gutzkow hielt nüchtern fest: „Irdisches Glück heißt: Das Unglück besucht uns nicht zu regelmäßig.“