Romeo und Julia

Eigentlich endet die Tragödie „Romeo und Julia“ sehr traurig. 
Doch ich hatte mir überlegt, ob es vielleicht noch ein traurigeres Ende geben würde.

von Helene Lanschützer, 13 Jahre

Foto: Fotostudio Furgler
Foto: Fotostudio Furgler

»Oh, mein geliebter Romeo, so lang ist schon her, zehn Jahr, um genau zu sein, als unsere Familien bös verfeindet waren, wir zwei uns aber geliebt haben, es jedoch keine Zukunft für unsere Liebe gab und wir uns FAST umbrachten. Wir handelten aber klüger und flüchteten ohne unser Hab und Gut, nur mit unserem eigenen Verstand im Gepäck, nach Frankreich und kehrten zehn Jahre später zurück. Es hatte sich einiges verändert in Verona: eine neue Kirche wurde gebaut und ein Erdbeben erschütterte ganz Verona, nun ja, das tut hier jetzt nichts zur Sache, aber das Beste war, dass sich unsere Familien nach unserer überstürzten Flucht endlich vertrugen. Und meine ehrenwerten Eltern erlaubten mir, dich endlich zu heiraten.“


Julia stand auf und sah ihrem Romeo in die Augen, der auf der anderen Seite der festlich gedeckten Tafel saß und sich an der Nase kratzte. Ihre Mutter, Gräfin Capulet, schluchzte gerührt „Jedoch mein lieber Romeo“, sagte Julia mit ihrer klaren Stimme. „Ich will dich nicht mehr heiraten“, rief sie. Graf und Gräfin Montague und Capulet, die schon ihre Spitzentaschentücher schluchzend und zu Tränen gerührt herausgeholt hatten, packten diese nun verdutzt wieder in ihre Taschen zurück. Gräfin Capulet rümpfte geziert die Nase. „Wie Julia? Du möchtest Romeo gar nicht heiraten, jetzt wo sich unsere Familien vertragen? Ich verstehe nicht recht …?“ Sie schaute zuerst zu ihrer Tochter und dann zum vermeintlichen Schwiegersohn. „Nun ja, die Sache ist die, dass wir seit zwei Jahren bestimmte Konflikte pflegen ... und weil er mir schon lange nicht mehr treu ist“, erklärte Julia, während Romeo nickte, die Gräfinnen sich mit Fächern sehr damenhaft gegenseitig Luft zufächelten, Graf Capulet die leckeren Speisen am Tisch begutachtete und Romeos Vater eine Augenbraue hob, bis die Mutter Romeos das Wort ergriff: „Romeo mein Sohn, wie siehst du denn diese, ach so erschreckende Situation?“ „Warum denn eine erschreckende Situation? Warum sollte ich dieses Weib heiraten, die nicht einmal in der Lage ist, die Wäsche zu waschen? Da heirate ich doch lieber Veronika.“ „Romeo, ich hätte nie gedacht, dass dir so etwas derart Erschreckendes über die Lippen kommen würde. Der Teufel soll dich holen!“, schrie Julia. Oh, das gefiel dem Graf Capulet aber gar nicht, immerhin hatte er das schon alles so gut organisiert. Heute sollten sich die Familien zum Abendessen bei ihnen treffen, Julia sollte den Heiratsantrag stellen und nächste Woche sollten sie dann heiraten.

Doch die zwei durchkreuzten seine Pläne. „Julia, es reicht. Du MUSST Romeo heiraten. Es ist schon alles vorbereitet“, donnerte der Vater. Julia schluchzte: „Ach hätte ich mich doch lieber damals umgebracht, als mit dem Aufschneider nach Frankreich zu gehen.“ Romeo stimmte ihr seufzend zu. Graf Montague schlug mit der Faust so fest auf den Tisch, sodass seine Frau Schluckauf bekam. „Zum Donner­wetter, Romeo! Es eine Schande für alle Familien. Diese verweigerte Heirat wird Konsequenzen für dich haben!“ Julia verdrehte die Augen, ihre Mutter öffnete schwer atmend das enge, zugeschnürte Korsett, der Vater schnitt den fast kalten Braten auf, Romeo schaute ihm dabei zu, während seine Mutter versuchte, ihren Schluckauf hinter einem Spitzentaschentuch zu verbergen, was ihr nur teilweise gelang, und Graf Montague räusperte sich wieder: Gut, dann … dann werden wir dich eben zu einer Heirat zwingen“, sagte er gefasst. Somit stand er auf, nahm Romeo am Schlafittchen und verließ den Raum. Seine Frau stolperte hicksend hinter ihm her. „Julia, für dich gilt dasselbe, denke ich“, sagte Gräfin Capulet. Sie verließ ebenfalls mit ihrer Tochter im Schlepptau das Zimmer, während sich ihr Mann noch eine Scheibe Braten in den Mund steckte und ihnen dann schmatzend folgte.


Die Zwangsheirat fiel weniger festlich aus und danach führten sie ein sehr trauriges und trostloses Leben, so ähnlich wie Zeus und Hera. Irgendwann musste Romeo in den Krieg ziehen, Julia ging ins Kloster und ich glaube, dieses Ende ist noch trauriger als das Ende von William Shakespeare.