Foto: Zastavki
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Ein starkes Gefühl

Lass dich überraschen …

In der Weihnachtszeit haben Überraschungen Hochsaison. Aber auch unterm Jahr gehören sie zu unserem Leben. Nicht jede/r von uns geht gleich damit um. Die Grazer Psychologin und Psychotherapeutin Luise Hollerer im großen „Überraschungs-Interview“.

VON EVA SCHLEGL

Dr.in Luise Hollerer
Dr.in Luise Hollerer

Dr.in Luise Hollerer

 

Grazer Psychologin und Psychotherapeutin;

Hochschulprofessorin an der KPH, der Kirchlichen

Pädagogischen Hochschule der Diözese Graz-Seckau; Arbeit als Psychologin in der

PädagogInnenbildung an der Uni Graz, Arbeit in freier Praxis.


Braucht der Mensch Überraschungen, oder könnten wir auch ohne leben?

Das Leben bringt uns immer wieder in Situationen, die wir so nicht erwartet haben. Somit ist es  voller Überraschungen. Es hängt ein wenig vom Temperament ab, wie wir diese empfinden. Manchen Menschen bereitet Neues großes Unbehagen. Diese vermeiden starke Empfindungen und richten sich ein Leben als Gewohnheitstier ein. Andere suchen ständig Neues, um sich lebendig zu fühlen.

 

Gibt es in unserer schnelllebigen, technisch rasch fortschreitenden Welt mehr Überraschungen als noch vor 100 Jahren? Oder kann uns nichts mehr überraschen?
Das hängt einerseits von unseren Erwartungen ab. Sind diese realistisch, dann werden Ereignisse selten den Schwellenwert zur Überraschung überschreiten. Sind diese unrealistisch oder sehr eng gesteckt, dann überraschen uns Personen, die nicht genau so handeln, wie wir es erwartet haben. Und weiters: Wir haben heute eher die Wahlmöglichkeit. Wir können Situationen mit Überraschungspotenzial aufsuchen – oder uns in einer vorhersehbaren Umgebung bequem und überraschungsarm einrichten. 

 

Braucht der Mensch gute UND schlechte Überraschungen? Und lernen wir etwas daraus?

Sagen wir so – der Mensch ist gerüstet, sich immer wieder neu anzupassen – in guten und in schlechten Zeiten. Natürlich bevorzugen wir gute. Aus wissenschaftlicher Sicht sind Menschen programmiert zu lernen – und sie lernen am liebsten bei einem mittleren Maß an Neuigkeit und Komplexität. Sie meiden sowohl Überforderung als auch Unterforderung. Gute und schlechte Überraschungen lassen uns lernen und sind Motor für unsere Weiterentwicklung.

 

Sind Kinder leichter zu überraschen als Erwachsene bzw. nimmt der „Überraschungsfaktor“ mit zunehmendem Alter ab?

Babys und Kleinkinder sind auf Erkunden programmiert – sie zeigen Interesse an ihrer Umgebung und lernen mit Freude. Da sie keine Erwartungen haben, gehen sie frei und offen auf ihre Umwelt zu. Sie werden eher von übermäßigen Reizen überrascht, die oftmals Schreck oder Rückzug auslösen. Im Laufe der Entwicklung kommt die Erfahrung dazu – und damit der Überraschungsfaktor durch Neues, Unerwartetes. Das bereitet ihnen großen Spaß – vorausgesetzt sie sind überraschungstolerant und nicht allzu ängstlich und schreckhaft. Und das bleibt auch im Erwachsenenleben so.

Was ist besser für uns: zu überraschen oder überrascht zu werden?

Sowohl als auch: Um eine Person zu überraschen, muss ich mich in sie einfühlen: Was könnte ihr vertraut sein, was ist für sie neu?  Was könnte sie sich wünschen und was fürchten? Das macht uns sensitiv für andere und trägt dazu bei, dass wir feinfühliger und mitmenschlicher werden. Und überrascht zu werden zaubert Glücksgefühle und lässt unsere Herzen höherschlagen.

 

Wenn jemand sagt: „Ich hasse Überraschungen!“ Will er dann erst recht überrascht werden?

Dann hat diese Person vermutlich schlechte Erfahrung gemacht – und möchte sich vor intensiven negativen Gefühlen schützen. Es kann auch sein, dass diese Person alles sehr genau plant und die Steuerung nicht aus der Hand geben möchte. Da gibt es eine große psychologische Bandbreite.

 

In der Weihnachtszeit haben Überraschungen Hochsaison. Warum ist es so aufregend, ein Packerl aufzumachen?
Weihnachten ist eine Zeit der Begegnung mit viel Wohlwollen und freudvoller Gesinnung. Es geht darum, mit den vertrauten Menschen auf besondere Weise in Kontakt zu kommen, liebevolle Beziehung zu spüren – in der Verpackung, im Wort, im Inhalt. Das alles steckt ja in einem solchen Packerl drin – es ist eine Botschaft,  ob der andere mich mit meinen Wünschen und Möglichkeiten erkannt hat und das fördern will.  Deshalb ist das  Aufmachen so aufregend.

 

Und wie soll man reagieren, wenn die Überraschung zur Enttäuschung wird?

Das ist eine psychologische Dilemma-Situation. Vielleicht erfahren wird dadurch, dass wir doch nicht offen genug waren für das Beschenkt-werden, sondern zu viele eigene Erwartungen hatten. Für‘s Beschenkt-werden braucht es ein offenes Herz und Toleranz und vielleicht auch das Gespräch, was der Schenkende uns wollte.

 

Wann wurden Sie zuletzt positiv überrascht? Und von wem?

Ich erlebe täglich positive Überraschungen. Im Alltag, in der Partnerschaft, in der Familie, im Beruf. Und in der Therapie bin ich oft berührt von der Fähigkeit des Menschen zum Wandel und zur Gesundung.