Schwerpunkt Erfolg


Sieben Nobelpreisträger konnte sich die Grazer Uni in der Vergangenheit auf die Tafel schreiben. Mehr als alle holländischen Universitäten zusammen. Auch heute sind immer wieder Grazer im Gespräch um den begehrten Titel. Auf der Suche nach den Gründen für wissenschaftlichen Erfolg.


von Patrick Kovacs-Merlini

„Das ist schon etwas ­schwierig, weil man als ­Wissen­schaftler mit dem Problem ja allein ist. Da
kann einem niemand helfen.“

 

Professor Alois Kernbauer, Leiter des Universitäts-archivs der Uni Graz

Der Ruf nach Stockholm zur Verleihung des Nobelpreises lässt ja nicht alle aus den Wolken fallen, aber für einen Wissenschaftler ist es wohl ein Höhepunkt in der beruflichen Karriere.
An der Grazer Universität werkten in der Vergangenheit nicht weniger als sieben Nobelpreisträger. Eine bemerkenswerte Anzahl. „Das ist wahrlich nicht wenig, etwa wenn man bedenkt, dass diese Zahl alle Universitäten der Niederlande zusammen nicht schaffen. Ich bin mir sicher, dass sich auch heute unter den zirka 300 Personen, die für den Preis vorgeschlagen sind, Grazer befinden“, informiert Professor Alois Kernbauer vom Universitätsarchiv, auch ein Experte, wenn es um die Geschichte jener Nobelpreisträger geht, die an der Universität Graz gewerkt haben.


Unsere Uni also ein Nobel-Hobel, wenn es um wissenschaftlichen Erfolg geht? „In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde eine neue und sehr moderne Universität aufgebaut. Die Voraussetzungen, vor allem für Chemiker und Physiker, waren ideal. Das chemische Institut galt eine Zeit lang als das beste Europas, Pregl machte Graz zum Mekka der organischen Mikroanalyse“, konkretisiert Kernbauer. Fritz Pregl, einer der sieben Nobelpreisträger, bekam die Auszeichnung 1923 für die von ihm entwickelte Mikroanalyse organischer Stoffe und war leidenschaftlicher Grazer. Auch Julius Wagner-Jauregg, Erwin Schrödinger, Otto Loewi, Viktor Hess, Ivo Andrić und Karl von Frisch gehören zu den „Noblen“, die in Graz geforscht und gelehrt haben.


Aber wie wird man nun erfolgreich in der Wissenschaft?

Mit guter Infrastruktur allein ist es wohl nicht getan, deshalb geht Kernbauer zur Beantwortung auf die Person von Pregl zurück: „Er hat anfänglich die Schwierigkeiten seiner Forschung unterschätzt, sie aber mit unglaublicher Hartnäckigkeit geführt. Um die passenden Geräte zu bekommen, die es nicht gab, machte er eine Lehre als Glasbläser und stellte sie dann selbst her. Die Erfolgsfaktoren sind heute die gleichen wie damals.“ Aber Fleiß alleine sei für den ganz großen Durchbruch zu wenig, weiß Kernbauer. Der Wissenschaftler müsse ganz vom Problem besessen, ja vielmehr „scharf darauf sein“. Damit sind zwangsläufig Entbehrungen sowie zwischenmenschliches Unverständnis verbunden. Kernbauer: „Das ist schon etwas schwierig, weil man als Wissenschaftler mit dem Problem ja allein ist. Da kann einem niemand helfen.“ Verständlich, wenn sich dann alle „Einzelschicksale“ auf einem Kongress treffen und nach fünf Minuten glauben, sich ewig zu kennen.
Nach 500 Experimenten ohne Problemlösung wird die Frustration nicht kleiner und die Kreativität nicht größer. Der zeitliche Druck hat auch die Welt der Wissenschaft erreicht. Otto Loewi, der 1936 für die Entdeckung der chemischen Übertragung der Nervenimpulse den Nobelpreis erhielt, forschte dafür 20 Jahre, ohne darüber zu publizieren. „Das wäre heute undenkbar. Seit über 10 Jahren gibt es klare Vorgaben, wie viele Vorträge und Publikationen abgegeben werden sollen. Fleißig sind ja fast alle, aber es gibt auch viele Schnellschüsse. Von zehn Arbeiten ist ein Volltreffer dabei“, weiß Kernbauer. So ein Volltreffer war beispielsweise die Arbeit von Alfred Wegener, der in Graz Meteorologie und Geophysik lehrte, und seine weltweit anerkannte Theorie der Kontinentalverschiebung in kürzester Zeit vorlegte. Ein Buch über Wegener wurde gerade in den USA publiziert. „Die Amerikaner haben nicht die Forschungstradition, die wir in Österreich haben, aber dort hat eine Elite-Universität so viel Budget wie alle österreichischen zusammen. Aber gemessen an den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, sind wir gut unterwegs“, resümiert Kernbauer.

 

Fotos: Uni Graz
Fotos: Uni Graz

Lukrative Laborarbeit
Erfolgreiches Forschen im Labor zahlt sich heute aus, erhalten die Gewinner des Nobelpreises doch 819.000 Euro. Fritz Pregl (Mitte) hatte da deutlich weniger Glück: 1923 war der Höhepunkt der Inflation erreicht und das Geld weniger wert.