Salomonisches Kochen – Fotos: Kurier/Jürg Christandl
Salomonisches Kochen – Fotos: Kurier/Jürg Christandl
Fotos: Kurier/Jürg Christandl

Salomonisches Kochen

von KURIER-Chefredakteurin Martina Salomon

Ich liebe die Biographie von Kamala Harris: Die neue, toughe ­Vizepräsidentin der USA scheut sich nicht, ihre Kochrezepte in den Sozialen Medien zu veröffentlichen. Inklusive Fotos. Ich tue das selbst mit meinen (oft nächtlich spontan fabrizierten) Backwerken seit vielen Jahren.

Doch als ich 2018 Chefredakteurin wurde, war ich mir nicht mehr ganz sicher, ob das eine gute Idee war. Weil manche Leute dummerweise finden, dass, wer kocht, nicht geistreich sein kann. Ich behaupte das Gegenteil: Kochen ist ein kreativer Prozess, so vergänglich wie ein Zeitungsartikel und jedenfalls produktiver, als after work auf dem Sofa Serien zu schauen (das kann man auch in der Küche nebenher tun). Der Nachteil, den man als backende Chefredakteurin hat, ist gleichzeitig ein Vorteil: Man kriegt öfter Applaus für die süßen Torten, als für die gepfefferten Leitartikel.


Als geselliger Mensch leide ich unter der Corona-Ausnahmesituation. Inmitten des summenden Newsrooms zu sitzen inspiriert mich. Privat bin ich gerne Gastgeberin und koche am liebsten für große Runden. Familie und Freunde beobachten meine unter dem Hashtag #CakeNews veröffentlichten Kuchen und Torten mit Argusaugen und kommen oft vorbei, weil sie wissen, ich verschenke sie gerne. Was am nächsten Tag noch übrig ist, wird am Newsdesk verteilt.

 

Ich mag Küchenexperimente (zum Schrecken meines Ehemannes, der das Altbewährte liebt) und habe eine große Sammlung an Rezepten. Meine liebsten sind im Koch- und Kolumnenbuch „Salomonisch serviert“. Hätte ich Zeit, müsste ich längst einen zweiten Teil schreiben.
In den Kurier habe ich meinen Koch-Spleen jedenfalls eingebracht, und den Lesern gefällt’s (hoffentlich). Wir haben die Kulinarik ausgebaut und im Lockdown sogar ein sehr humorvolles, tägliches „Krisenrezept“ unseres Wien-Chronik-Chefs auf der prominenten Seite 2 veröffentlicht. Als er es eines Tages auf die „Lieferung“ vergaß und unauffindbar war, sprang spontan ein anderer Kollege ein. (Also Männer, traut euch an den Herd, die Bewunderung der Frauen ist euch sicher!)

 

Zeitungsjournalisten wissen, es gibt vor allem zwei Versagen, die ihre Leser überhaupt nicht verzeihen: Fehler im Rätsel und Fehler in Kochrezepten. Der buchstäblich schwerwiegendste war unser „Bananagate“, das es dann sogar in die Nöm-Werbung brachte. Statt 800 Gramm hatten wir nämlich leider 800 Bananen empfohlen. Worauf der erwähnte „Krisenrezept“-Kollege Christoph Schwarz zur Entschuldigung ausrückte, für die übriggebliebenen 793 Bananen ein ironisches Bananenmilch-Rezept aus 158 Litern Milch zauberte und mit dem Schlusssatz versah: „Reicht fix bis zum Ende der Pandemie“. Vielleicht sollten wir also auch einmal eine Kolumne mit Kochpleiten versuchen.