Sopie Reyer: Wir alle sind endlich, heute und morgen und immer …
Sopie Reyer: Wir alle sind endlich, heute und morgen und immer …

Sophie Reyer: Wir alle sind endlich, heute und morgen und immer.

Zehn Fragen an Sophie Reyer

grazIN: Liebe Sophie, während andere Autorinnen und Autoren alle paar Jahre ein Buch herausbringen, gibt es von dir jedes Jahr gleich mehrere Neuerscheinungen. Wie machst du das?

Sophie Reyer: Das Geheimnis sind Liebe und Begeisterung. Niemand hat mich je zum Schreiben gezwungen, und wenn ich mit Worten arbeite, werde ich zum Gefäß. Gleichzeitig bin ich wieder Kind: ich spiele, bastle und baue, wie andere mit Legosteinen. Das macht großen Spass!

grazIN: Ist das eine gewisse Getriebenheit, hast du einfach so viele Ideen oder musst du als freie Autorin einfach immer mehrere Eisen im Feuer haben?

Sophie Reyer: Ich denke beides. Zum einen brennt es in mir, zum anderen kann ich tatsächlich nur überleben, wenn ich viel publiziere – denn der Bücherverkauf ist nichts, wo man reich wird.

grazIN: Wie kommt es, dass du – anders als die meisten deiner Kollegen – keinen Stamm-Verlag hast, sondern in vielen Verlagen parallel publizierst?

Sophie Reyer: Doch, ich habe viele Stammverlage: Czernin, Keiper, Passagen, Königshausen & Neumann und Emons. Da diese ja nicht alle dieselben Bereiche bedienen – Passagen macht z. B. die wissenschaftlichen Bücher und keine Lyrik – und ich zuviel schreibe, ist das wunderbar.

grazIN: Die Bandbreite deiner Sujets und deren literarische Verarbeitung ist auffällig. Ist das auch ein Reiz, dem du dich gerne stellst – als Autorin immer wieder „etwas Neues auszuprobieren“? Oder gibt es doch eine gemeinsame Linie, die du verfolgst?

Sophie Reyer: Ja – immer wenn ich mich langweile oder verbeiße, versuche ich, das Genre zu wechseln. Dennoch bleibe ich leider immer gleich: Ich schreibe mit dem Ohr.

grazIN: „Das stumme Tal“ ist ein historischer Krimi, liest sich aber gleichzeitig wie ein Drehbuch. Was war die spezielle Herausforderung bei dem Buch?

Sophie Reyer: Dass er sich an einen realen Fall anlehnt. Ich habe viel recherchiert und teilweise sogar selbst ordentlich Angst bekommen, weil der Raubmord im Tiroler Bergbauerndorf aus den 1880iger Jahren bis heute nicht ganz geklärt ist.

grazIN: Wie wichtig war es dabei, sich an dem historischen Fall von 1889 zu orientieren?

Sophie Reyer: Sehr. Ich wollte der Stimme der vierjährigen, die als Zeugin verhört wurde, Ausdruck verleihen. Das Thema hat förmlich in mir gebrannt!

grazIN: Was war dagegen die Initialzündung zu „Zwei Königkinder“? Gab es einen LeserInnenkreis, an den du beim Schreiben gedacht hast?

Sophie Reyer: Da es keinen Mainstream-Roman über eine lesbische Liebe gibt, habe ich mich dran gewagt. Außerdem wollte ich etwas über Jungendliche erzählen, die einem religiösen Wahn verfallen – ohne dabei platt zu werden.

grazIN: Mitten im Kultur-Shutdown gibt es Voraufführungen im TheaterArche. Zu „Hikikomori“ hast du gemeinsam mit Thyl Hanscho den Text geschrieben. Das dürfte ein sehr spezieller Schreibprozess gewesen sein?

Sophie Reyer: Ja, es war ein sehr besonderer Dialog – Thyl Hanscho hat eine großartige Sprache, kommt jedoch vielmehr von der Bühne, während meine Herangehensweise eine sehr Lyrische ist. Wir haben uns rein schriftlich ausgetauscht, jeder war – ganz nach dem Hikkikomori-Prinzip – in Isolation, und die Kommunikation ging nur per Theatertext selbst, wir haben weder über die Recherche des anderen noch über andere Herangehensweisen gesprochen. So war der Dialog stets unmittelbar sprachlich und sehr emotional.

grazIN: Was bedeutet dieser Shutdown für dich als Autorin, die vorwiegend in Kleinverlagen publiziert?

Sophie Reyer: Das stimmt ja so nicht, Emons und Königshausen & Neumann sind ja recht große Verlage. Insgesamt hat sich für mich nichts geändert, außer dass ich unter der „Entkörperung“ leide.

grazIN: Wie sehr hat sich dein eigenes Leben in der Corona-Krise verändert? Hast du jetzt (noch) mehr Zeit zum Schreiben?

Sophie Reyer: Wie gesagt. Insgesamt hat sich für mich nichts geändert, außer dass ich unter der „Entkörperung“ leide. Die Zeit zum Schreiben wächst natürlich theoretisch, aber ich schreibe trotzdem nicht so viel mehr, denn der Kopf braucht auch Ruhe, dass sich die Gedanken zu Ende drehen und neue Themen mich finden können. Das Einzige, was mich sehr traurig macht, ist, dass ich keine Menschen mehr umarme. Ich komme mir gläsern vor, und etwas surreal. Das ist kein schlechtes Gefühl, aber dennoch fremd. Ich denke, dass einfach eine Ebene des Lebens fehlt.

Sophie Reyer

Sophie Anna Reyer, geboren am 20.12.1984 in Wien, Autorin, Komponistin, Übersetzerin und grazIN-Kolumnistin: „Mir geht es inzwischen sehr gut. Ein paar meiner wichtigsten Freunde treffen mich jetzt regelmäßig, und so kann ich die Stille genießen und bin entspannter denn je. Habe eine Menge Aufträge für Spielfilmfirmen derzeit und nicht mal Kopf für anderes Material … Was das Virus betrifft: ich hoffe du bist nicht eine von den Ängstlichen. Das Ganze wird dermaßen überbewertet, es ist eine mediale Panikmache, die uns alle nur unglücklich macht. Inzwischen filtere ich das weg. Natürlich besteht Gefahr, aber die sollte man echt relativieren und mit Hirn betrachten. Ich genieße die Sonne und freue mich, dass die Umwelt jetzt weniger verschmutzt ist. Die Delfine sind wieder in Italien und der Smog über China ist weg. Und Leben ist immer lebensgefährlich. Wir alle sind endlich, heute und morgen und immer. In mir hat sich vieles umgedreht, ich werde bescheidener und freue mich über meine Fixanstellung, ein Telefonat mit meinen Eltern – die sich verständlicherweise weigern, mich zu sehen – und eine Menge schöner Bücher. Wir haben so einen Luxus. Wir sind keine Flüchtlinge, die in irgendwelchen Lagern verreckten. Es sterben 60 mal so viel Menschen an Ebola. Wer hat sich da je aufgeregt? Es ist also in Wahrheit lächerlich. Die Sterne leuchten weiter. Das Universum lässt sich von so einer Laus wie dem Menschen nicht bezwingen. Und der Frühling ist schön.“